23. April 2020

Gesellschaft der potenziell Erkrankten

In seinem dieser Tage wieder vielgelesenen Roman „Die Pest“ macht Albert Camus auf den ersten Seiten eine interessante pre-pandemische Beobachtung über die moderne Stadtgesellschaft im algerischen Oran: „Ein Kranker ist hier sehr allein“. Grund dafür, so Camus, ist die Gefühllosigkeit der Stadt mit dem geistlosen Gesicht. Das gesellschaftliche und geschäftliche Treiben, der kapitalistische Exzess, dem der Kranke nicht mehr folgen kann, lässt ihn vereinzelt zurück. Ich glaube nicht, dass die aufmerksame Leserin dieser Tage in Camus Schrift wie sonst nach dem Sinn des Lebens sucht. Vielmehr geht es um die durch den Katastrophenfall aufgeworfene Frage, wie wir leben sollen. (Um die Kritik vorwegzunehmen. Ich akzeptiere durchaus, dass die Frage wozu wir leben für manche nicht von der Frage wie wir leben zu trennen ist.)

Im Privaten krank sein

In Oran ist ein Kranker sehr allein. Der Kranke sieht sich der geschlossenen Gesellschaft gegenübergestellt. Er wird ins Private zurückgedrängt, für krank sein ist in der Öffentlichkeit kein Platz. Da er keine Funktion mehr erfüllen kann oder wie wir es heute in der aktuellen Krise sagen würden, darf. Da er ansteckend ist, wird er zur Gefahr. Die Parallele zu dem im Universum von Gott verlassenen Menschen ist deutlich. Der Kranke ist wieder auf sich selbst zurückgeworfen und ist im wahrsten Sinne allein. Für Camus ist das eine bekannte Position, die er bereits mit Meursault in „Der Fremde“ bespielt und die für ihn eine Grundkonstante menschlichen Lebens ist. In „Die Pest“ begegnet man dem figural wieder. Das Allein-Sein antizipiert Dr. Rieux und erhebt es zu einer egozentrischen Antwort auf die Frage, was für den Menschen im Leben zentral sein sollte: „Nichts auf der Welt ist es wert, dass man sich von dem abwendet, was man liebt“.

Diese Feststellung eröffnet die Möglichkeit, die aktuellen Rufe nach der als „Social Distancing“ verkleideten Solidarität zu hinterfragen. Der Begriff des „Social Distancing“ geriet schon früh in die Kritik. Was wir eigentlich praktizieren sei psychische Distanzierung. Das Gebot der Stunde: sozial weiter vernetzt bleiben. Jedoch digital, nur das ist körperlos möglich. Als ließe sich das Soziale vom Körperlichen trennen. Sind wir derart selbstlos, so solidarisch? Verhält es sich nicht tatsächlich so, dass der Zusammenhalt dieser Tage uns nur deshalb gelingt, weil wir uns als potenziell krank begreifen? Weil wir uns bewusst von der Gesellschaft zurückziehen, um uns selber und die uns Nahestehenden zu schützen. Warum postulieren wir dann Solidarität, statt wie es Camus uns lehrt, den Egozentrismus, der sich hinter Dr. Rieux Feststellung verbirgt, zu erkennen und ihn akzeptieren. Er ist Ausdruck unserer Individualität. Camus Philosophie des Absurden unterscheidet sich an diesem Punkt entscheidend von Sartres Existenzialismus, weil er symbolische Ordnungen letzter Gewissheiten ablehnt. Der Tod ist die einzige Gewissheit, darin liegt die Absurdität des Lebens. Nichts auf der Welt ist es wert, dass man sich von dem abwendet, was man liebt!

(K)eine Krise wie jede andere

Warum sind wir angesichts des Coronavirus weltweit in der Lage, drastische politische Maßnahmen zu akzeptieren, während jedoch beim Klimawandel sogar der Verzicht auf den innerdeutschen Flug als Meilenstein gefeiert wird? Es ist einfach: Weil wir uns den Klimawandel nicht vorstellen können, ihn mancherorts sogar auf eine perverse Art genießen. Krank sein, Fieber haben und im Bett bleiben zu müssen, das kennt jeder. Jeder hat das durchlebt. Auch sich bei jemandem anstecken kennt man. Wir wissen wie sich das anfühlt und wer will schon krank sein oder seine Liebsten krank sehen? Gerade jetzt sind wir durchgehend potenziell krank. Und wir verstehen Krankheit als etwas, was unseren Körper und das private Glück im Kern erschüttert. Also fordern wir Solidarität, fordern Andere auf, gefälligst zu Hause zu bleiben – es ist ja nicht so schwer. Nicht weil uns unbedingt so viel am Anderen liegt – ein Blick nach Moria genügt, um das zu bestätigen – sondern weil wir uns und unsere engsten Mitmenschen schützen wollen. Das muss nicht unbedingt verwerflich sein. Zu hinterfragen, worin das eigene Glück besteht und danach handeln zu wollen, das ist menschlich. Wieso sollte Liebe verwerflich sein? (Vergessen wir dabei aber nicht, dass Liebe nicht immer so selbstlos ist, wie sie scheint.)

Das Glücksstreben anerkennen

Sich einzugestehen, dass sich das Schützenswerte über das private Glück definiert, öffnet den Raum für Kritik. Solidarität qua „Social Distancing“ ist einfach, eben weil es das private Glück schützt. Jeder für sich und auf diesem Weg alle zusammen. Wir bewegen uns aktuell voneinander weg, nicht aufeinander zu. Der Andere, der Fremde wird als gefährlich markiert. Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen. Was die Gesellschaft der potenziell Erkrankten dabei noch verbindet, ist, wenn überhaupt die Konformität, die über alle parteipolitischen Grenzen hinweg praktiziert wird. Und sie ist leider allzu oft national. Camus sagt nicht, dass die Menschen an der griechischen Küste oder Gefährdete unbedeutend für den Einzelnen sind. Es geht darum, was man aus dieser Erkenntnis macht. Wir sind für unser Handeln verantwortlich – auch politisch. Zu verstehen, dass man primär um sich bemüht ist, kann der notwendige Schritt sein, andere zu verstehen, die die Maßnahmen nicht sofort akzeptieren wollen oder nicht können. Oder jene zu verstehen, die in der Krise keine Möglichkeit der Ruhe, Selbstfindung oder Selbstoptimierung erkennen. (Ein gewisses Streben nach dem privaten Glück anzuerkennen, ermöglicht es uns auch ohne Krise das eigene Leben zu hinterfragen.) Denn auch diese Einschätzung ist subjektiv, sie lässt sich nicht kollektivieren. Jede Vorstellung vom privaten Glück – neben dem Wunsch gesund zu sein – ist vermutlich grundsätzlich verschieden. Das unterscheidet eine offene Gesellschaft auch von einer geschlossenen, die das Individuum nur als eines in einer Gemeinschaft aufgehendes Individuum begreifen kann. Das Glück der Einzelnen ist hier das Glück der Gruppe. Auch das ist ein Werk des Eros, jedoch schreibt Camus genau gegen diese Form der Gemeinschaft an. Das machte ihn zum Trotzkisten.

Politische Konsequenzen

Erst wenn man die Motivation für das eigene Glück akzeptiert, kann man den Blick auf die Anderen richten und ihre Motivationen vielleicht nicht verstehen, jedoch akzeptieren. Solidarität in dieser Krise muss ihr Fundament in der Anerkennung der individuellen Lebensgestaltung suchen – vor, während und nach der Katastrophe. Und sie lebt von einer Gleichzeitigkeit mit dem, wozu wir uns gesellschaftlich als Demokratie nach der Krise entscheiden werden. Die aktuell postulierte Solidarität muss sich in globalen sozialpolitischen Forderungen manifestieren. Am deutlichsten wird sich das an den Arbeitsbedingungen des Personals in öffentlichen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen zeigen, aber auch an den Sicherungsmöglichkeiten für Frei- und Kulturschaffende. Es braucht eine sozialpolitische Renaissance, in der Einzelfälle nicht länger Regelfälle sind. Vergessen wir nicht: Die aktuellen existenzsichernden Maßnahmen sind dem Sozialstaat vorgelagert und nicht nachhaltig konzeptioniert. Sowie die Ausgangsbeschränkungen auch deshalb notwendig sind, weil unser prekärer Sozialstaat selbst krankt. Bereits vor dem Ausbruch des Coronavirus.

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