10. September 2020

Nachgereicht: Arendts Beitrag zur „Causa Mbembe“

Die durch die Kritik des Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung Felix Klein an den Texten und Theorien von Achille Mbembe1https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-causa-achille-mbembe-schwere-vorwuerfe-und-streit-um.1270.de.html?dram:article_id=475092 entfachte Debatte ist ein (erschreckend) passendes Beispiel für die Herausforderung im Politischen die Pluralität der Perspektiven abzubilden. Nicht zuletzt, weil Mbembe sich in seiner Theorie und seiner Verteidigung gegen die Vorwürfe antisemitischen Gedankenguts Hannah Arendt zu seiner Gewährsfrau macht2https://www.zeit.de/2020/18/antisemitismus-achille-mbembe-vorwuerfe-holocaust-rechtsextremisus-rassismus, ist es hilfreich ihren Begriff der Pluralität, in den sie uns in ihrem Text „Sokrates. Apologie der Pluralität“ einführt, in diesem Kontext zu beleuchten. Pluralität und die damit einhergehende Widersprüchlichkeit sind entscheidend für das dekolonisierende Denken von Mbembe.

Die Pluralität der Perspektiven trägt zu einer Uneindeutigkeit der Welt bei, die es auszuhalten gilt. Jedoch ist der Vorwurf des Relativismus meist nicht fern, wenn man auf die Notwendigkeit hinweist multiperspektivisch zu denken. Der Vorwurf ist dabei äußert schlicht und wird dem Relativismus nicht gerecht. Er lautet verkürzt: Relativismus relativiert. Das ist es im Kern auch, was Klein Mbembe vorwirft. Indem Mbembe versucht historische Muster der Feindschaft und Politiken der Apartheid zu beschreiben, rückt er das südafrikanische Apartheidregime in die Nähe des nationalsozialistischen Völkermords an den europäischen Juden. So verharmlose er den Holocaust, weil er ihm seine Einzigartigkeit nimmt. Diese Schlussfolgerung ist nicht unbedingt verkehrt, auch wenn sie ein Produkt des deutschen Gedächtnistheaters (Max Czollek) zu sein scheint. Sie entspricht jedoch nicht Mbembes Methode, wenn er historische Ereignisse vergleichend heranzieht.

Mit Arendt lässt sich diese Methode verstehen. Den Vorwurf an Mbembe mit Arendt zu entkräften bedeutet, die Pluralität der Perspektiven gegen den Vorwurf des Relativismus zu verteidigen. Dabei reicht es aber nicht aus, dem Relativismus einfach einen Perspektivismus entgegenzusetzen. Das wäre aufgrund inhaltlicher Überschneidungen beider Theoreme ohnehin schwierig. Hartmut von Sass3von Sass, Hartmut (2019): Perspektiven auf die Perspektive, in: Perspektivismus, Hartmut von Sass (Hg.), Berlin schlägt daher den epistemologischen Begriff des kontextsensiblen Relationismus vor, der verhindern soll Perspektivismus einfach als eine Neuauflage eines „anything goes“ Relativismus zu verstehen. Das Denken in Kontexten verhindert hierbei das Abdriften in leichtfertige Gleichsetzungen. So lassen sich Muster in der Geschichte beschreiben, ohne die Einzigartigkeit historischer Kontexte bestreiten zu müssen. Das gilt für den Holocaust wie auch für den globalen Sklavenhandel und seine Folgen. Es geht vielmehr um eine Genealogie, paradigmatisch nach Nietzsche und Foucault. Bei Mbembe ist sie ein Werkzeug seiner historischen und politischen Analyse.

Kontextual ist auch das Denken bei Arendt und Mbembe. Der Kontext ihres Denkens manifestiert sich im Versuch neue Gemeinsamkeit zu ermöglichen. Sowohl Arendt wie auch Mbembe geht es um nichts anderes als darum, die Welt zu reparieren, die Beziehungen zwischen den Menschen – heute wie morgen. Ein gewisser Relativismus ist dafür sicher notwendig, kennzeichnet er doch die Überzeugung einer als im Werden begriffenen Welt – als Prozess. Eine Welt in der Differenz als Relationalität gedacht werden muss. So schreibt Mbembe am Ende seiner Kritik der schwarzen Vernunft: „Tatsächlich ist die Konstruktion des Gemeinsamen untrennbar mit der erneuten Erfindung der Gemeinschaft verbunden“. Bei Mbembe geht dieser Weg über die Kritik neoliberaler Weltverhältnisse als Manifestationen eines europäischen Universalismus. Für Arendt ist der Weg zum Gemeinsamen eine Frage des Politischen, als Geburtsort des Neuen, welchem sie der Frage nach der Tradition entgegenstellt.

Über die Konstitution des Politischen entscheidet nach Arendt der Gemeinsinn. Diesen hat man sich mit Kant als gemeines Beurteilungsvermögen vorzustellen. Den Gemeinsinn (und demnach auch ein Gemeinwesen jeglicher Art) sieht Arendt durch die platonische Konzeption einer politischen Philosophie gefährdet. Platon versetzt seine Philosophen in einen Moment permanenten Staunens – ein Staunen (thaumazein) welches sprachlos ist. Die Sprache jedoch ist es, die den Menschen zum politischen Wesen (zôon politikón) macht. Sie ist die Bedingung der Möglichkeit des Gemeinsinns, aus der Platon die Philosophie ausschließt, wenn er sie in die Sprachlosigkeit des bios theoretikos verbannt. Die eigentliche Motivation Platons vermutet Arendt in dem Versuch, nach Sokrates Tod die Philosophie erneut für die Politik nutzbar zu machen. Denn der Grund für die platonische Spaltung von Philosophie und Politik ist ursprünglich politisch – das Todesurteil Sokrates, beschlossen von der attischen Bevölkerung – und Platon kann später nichts anderes tun, als die Philosophen zum Herrscher über die Polis zu machen, um sie so vor einem sokratischen Ende zu bewahren. Diese Herrschaft der Philosophie zieht sich seitdem laut Arendt auf fatale Art und Weiße durch die Ideengeschichte.

Von einer politischen Philosophie nach sokratischem Vorbild fordert Arendt jedoch, dass sie „die Pluralität des Menschen, aus der die ganze Vielfalt menschlicher Angelegenheiten hervorgeht, zum Gegenstand ihres thaumazein“4Arendt, Hannah (2016): Sokrates. Apologie der Pluralität, Berlin, S. 85 macht. Eine sprachbefähigte politische Philosophie verkörpert Arendts Pluralität und regt nach sokratischer Manier im Dialog zum Staunen an. Sie akzeptiert das sokratische Eingeständnis hinsichtlich der Grenzen des Wissens vor dem Orakel von Delphi, ohne den Gemeinsinn für die Polis zu verunmöglichen, indem sie nicht wie Platon davon ausgeht, dass nur die philosophische Erkenntnisfähigkeit zu einer absoluten Wahrheit führt, nach einzig der regiert werden kann. In dieser Tradition ist Mbembes Theorisieren zu verstehen. Arendts Aufforderung, eine politische Philosophie in Pluralität zu betreiben, lehrt uns hinter Mbembes Poetik keinen Anspruch auf einen höheren Wahrheitsgehalt zu vermuten. Die Wahrheit des Philosophen zeigt sich letztlich auch als eine Meinung, die er im Dialog dem gemeinsamen Beurteilungsvermögen hinzufügen muss.

Der Versuch diese Meinung zu unterbinden, indem man ihr verkürzt Relativismus vorwirft, bedeutet folglich nichts anderes, als die Einladung zum Dialog abzulehnen. Ja, das mag an der Unfähigkeit des Aushaltens sokratischer Dialektik liegen, also der Widersprüchlichkeit, die eine komplexe Welt unweigerlich mit sich bringt. Es fällt schwer, dies Teilen des deutschen Feuilletons angesichts der „Causa Mbembe“ nicht vorzuwerfen. Es ist aber auch naheliegend, dass sich hinter dem Wunsch nach Eindeutigkeit schlichtweg ein Denken verbirgt, welches diametral zu Arendts Verständnis politischer Philosophie steht. Katja Maurer markiert dies als „neokoloniales Denken“ und resümiert konstatiert: „Manche glauben immer noch, dass man der Welt vorschreiben könne, wie sie zu denken habe“5https://www.medico.de/blog/neokoloniales-denken-17735/ . Sich der Aufforderung zum Dialog nicht offen entgegenzustellen verhindert eine Multiperspektive auf die Welt, die jedoch im Politischen notwendig ist, um das Neue in die Welt zu holen. In Mbembes Fall ist das nichts geringeres als „die Möglichkeit einer gemeinsamen Welt, einer gemeinsamen Humanität in Betracht zu ziehen“, wie er in Postkolonie schreibt. Dieses Unternehmen lebt von einer Heterogenität der Perspektiven. Eine Verweigerung zu einem solchen Dialog erinnert stark an Platons Philosophenkönige und ihre Motivation ist letztlich im Kern als ebensolches politisches Programm.