11. April 2019

Abschlussrede: Die Universität in der Demokratie

Rede vom 4. April 2019 an der Hochschule für Politik. Es gilt das gesprochene Wort.

Die Universität in der Demokratie

Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Hochschule für Politik,
liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,
liebe Gäste,

wir freuen uns sehr Sie heute hier zu begrüßen und dass wir stellvertretend für unseren Abschlussjahrgang ein paar Worte sagen dürfen.

Wie manche von Ihnen vielleicht wissen, sind wir einer der letzten Jahrgänge des auslaufenden Diplomstudiengangs. Unser Uni-Alltag unterscheidet sich von daher von dem der Studierenden im Bachelor und Master. Wir hoffen unsere Erfahrungen für künftige Studierende fruchtbar machen zu können, indem wir Herausforderungen schildern, von denen wir glauben, dass Sie auch für kommende Studierende wichtig sein können.

Eine Universität als Institution spielt nicht nur eine Rolle für die Studierenden, um einen Abschluss zu erlangen. Eine Universität hat unserer Ansicht nach auch eine Verantwortung als gesellschaftliche Akteurin in einer liberalen Demokratie. Ihre Bedeutung in dieser Rolle sollte nicht unterschätzt werden. Eben nicht nur, weil es hier um die Ausbildung kommender Generationen geht, sondern auch und vor allem deshalb, da die Absolvierenden von heute die Gesellschaft von morgen mitgestalten sollen. Die Vermittlung von Wissen spielt hier eine ganz wesentliche Rolle. Und zwar nicht nur in Bezug auf die spezifischen Fächer, sondern im Sinne einer umfassenden gesellschaftlichen und demokratischen Grundbildung. Demokratie bedeutet Mitbestimmung, sich eine Stimme verschaffen zu können. Daher lebt sie auch von Angeboten, die die Entwicklung einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft möglich machen. Wir finden, dass die Förderung eines Bewusstseins für demokratisches Handeln auch an einer Universität Priorität haben sollte.

Damit hängen für uns zum Beispiel auch die auf uns sehr zweckmässig wirkenden Räumlichkeiten der neuen Hochschule für Politik zusammen. Sie lassen sehr wenig Platz zum Zusammenkommen abseits des Hörsaals. Ein Studierendenzimmer als Treffpunkt wie in den alten Räumen unserer Hochschule wäre daher wünschenswert. Auf uns wirkt es so, als ob sich hier durch den Reformprozess die Prioritäten verschoben hätten. Studierende verbringen viel Zeit an der Universität. Sie brauchen Orte an denen sie sich treffen, diskutieren und selbstbestimmt entfalten können.

Denn im Idealfall werden an einer Universität mündige und selbstreflektierte Menschen ausgebildet. Keine Konsumenten, Kunden oder reinen Produkte für den Arbeitsmarkt. Ob sich unsere Träger-Universität dessen bewusst ist, darf ruhig an der einen oder anderen Stelle bezweifelt werden. Es kann der Eindruck entstehen, dass die Studierenden als Menschen eher in den Hintergrund rücken und vor allem der Wettbewerb sowohl nach innen als auch nach außen im Vordergrund steht.

Die Logik des Marktes dringt in immer mehr Bereiche unseres Lebens vor, auch in den Wissenschaftlichen. Das erinnert an eine “Kolonialisierung der Lebenswelten”, wie es Habermas formulierte. Diese Logik kann mit ideellen Gütern kollidieren, so auch mit der “Wertneutralität” und der daraus resultierenden wissenschaftlichen Objektivität. Das Studium des Wissens wegen, welches sich nur langsam und subtil amortisiert, steht einem Studium um der unmittelbaren Verwertbarkeit willen gegenüber.

Hier wird ein Spannungsverhältnis deutlich. Auf der Ebene der Universität zwischen einem auf Leistung reduzierten Uni-Alltag und der einzelnen Studierenden sowie auf der Ebene der Gesellschaft zwischen einem wirtschaftsliberalen Individualismus und den durch den Wettbewerb in den Hintergrund gedrängten Menschen mit seinen Einzelschicksalen. Der Leistungsdruck des Wettbewerbs zwischen den Universitäten geht direkt auf die Studierenden über. Manche durchaus erforderliche Reform kann sich subjektiv wie eine kleine Revolution anfühlen. Der Wettbewerb darf nicht zu Lasten der Studierenden geführt werden. Das ist für uns der soziale Aspekt der Universität in unserer Demokratie. Also einer Universität die sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist, die den sozialen Aspekt unterstreicht und ihn proaktiv gestalten will. Es braucht politische Konzepte, die flächendeckend wirken, ohne die Individuen zu vernachlässigen. Von daher begrüßen wir es, wenn der künftige Präsident der Technischen Universität ankündigt, den Mensch wieder weiter in den Mittelpunkt rücken zu wollen.

Das Konzept Universität setzt bei den Lernenden eine gewisse Mündigkeit voraus. Studierende wollen in eben dieser Mündigkeit anerkannt werden. Die individuelle und eigenständige Studienplanung beispielsweise ist eine Form der Anerkennung, die wir im Rahmen unseres Diploms erfahren durften. Sie gibt einem die Möglichkeit das Leben abseits der Universität bewältigen zu können und beide Lebenswelten im Einklang zu gestalten.

Eine konkrete Rolle spielt dabei natürlich auch das Geld. Das aktuelle Bafög wird elternabhängig berechnet und ist altersbeschränkt. Es ist in dieser Form eben kein flächendeckendes Konzept. Es konterkariert selbstständige Lebensplanung, belastet Familien und vor allem missachtet es Einzelfälle. Und von diesen Einzelfällen gibt es unserer Erfahrung nach eine Menge. Wir sind der Meinung, es wäre an der Zeit, ein Bafög für alle umzusetzen. Es geht schlichtweg um Konzepte, die die Finanzierung des Studiums für alle Betroffenen möglich machen.

Ein studentischer Alltag spielt sich nicht selten zwischen mehreren Nebenjobs, familiären Verpflichtungen und Ehrenamt ab. Da helfen schon minimale Erleichterungen. Es ist beispielsweise nicht ganz verständlich, warum Studierende zu Beginn des Semesters ihre Fahrkarte für sechs Monate komplett bezahlen müssen. Das ist eine große Belastung für kleine Geldbeutel am Semesterbeginn. Eine monatliche Finanzierung würde hier schon helfen.

Auch menschliche Kapazitäten sind zu beachten. Nach dem jüngsten Arztreport leidet eine steigende Zahl von Studierenden unter psychischen Problemen. In ganz Deutschland ungefähr eine halbe Million. Ursachen hierfür werden nicht nur im steigenden Zeit- und Leistungsdruck in der akademischen Welt gesehen, sondern auch in der Fokussierung vieler Studierender auf mögliche Probleme statt der eigenen Stärken. Es herrschen Zukunftsängste und es herrschen Prüfungsängste. Gerade angesichts immer jünger werdender Studierender wird auch ein pädagogisch-psychologischer Auftrag an Hochschulen und Universitäten deutlich. Es gilt der mangelnden Selbstsicherheit vieler Studierender zu begegnen und Mut zu machen. Mut sich seines Verstandes zu bedienen, würde wohl Kant sagen. Dazu ist es auch notwendig die sozioökonomischen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Eine Universität in einer Demokratie sollte zudem den Anspruch haben, die Gesellschaft in ihrer Diversität zu repräsentieren. Die Wissenschaftsphilosophin Mona Singer schlägt entsprechend vor, die aufklärerische Frage danach Was wir wissen können, umzugewichten. Das „Wir“ soll in den Vordergrund gerückt werden. Wer ist dieses „Wir“, das an der Universität Wissen produziert? Singer geht es darum, eine objektivere Sicht auf die Verhältnisse der Wissensproduktion zu ermöglichen. Spiegelt dieses „Wir“ der Universität, als Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, das plurale „Wir“ der Gesellschaft wider? Eine Universität sollte ihren sozialen Gestaltungsrahmen auch an dieser Frage orientieren.

Die Frage danach, wer das „Wir“ ist, ist auch als Aufforderung zu verstehen, die Universität als ein offenes Konzept zu begreifen. Das bedeutet nicht, erforderliche Leistungskriterien abschaffen zu wollen. Man kann aber versuchen Angebote zu schaffen, die die Universität auch für jene zugänglich machen, die vielleicht nicht im ersten Moment der klassischen Zielgruppe entsprechen. Im Diplomstudiengang gab es die Möglichkeit das Studium ohne Hochschulzugangsberechtigung zu beginnen. Wurde das Abitur nachgeholt, konnte man das Diplom abschließen. Ein Angebot, welches auch einige von uns in Anspruch nahmen. Wir finden, die Hochschule für Politik kann stolz darauf sein.

Auch in Theorie und Lehre sollte eine offene Universität dem gesellschaftlichen Pluralismus Ausdruck verleihen, wie es die Forderung nach mehr Frauen in der Lehre tut. Es ist sinnbildlich, dass sich an dieser Stelle aktuelle Herausforderungen der Gesellschaft mit Anliegen der Universität kreuzen. Es wird wissenschaftlichen Ansprüchen nicht gerecht, beispielsweise Gender-Studies als pseudowissenschaftlich abzustempeln. Aus politikwissenschaftlicher Perspektive halten wir es sogar für unwürdig, denn Analyse und Kritik gegebener Verhältnisse sind nach unserem Verständnis ein Kernanliegen der Politischen Wissenschaft. Die Relevanz des wissenschaftlich zu untersuchenden Gebietes kann nicht hegemonial bestimmt werden.
Zudem bedeutet Pluralismus Toleranz. Das gilt in einer liberalen Gesellschaft ebenso wie an der Universität. Eine Universität, die den Pluralismus unserer Gesellschaft ausreichend repräsentiert, entlässt Studierende nicht nur akademisch ausgebildet, sondern darüber hinaus als fähige Demokratinnen und Demokraten.

Uns ist durchaus bewusst, dass wir hier einiges ansprechen, das nicht ohne weiteres änderbar ist. Allerdings wären die drei im folgenden nochmal wiederholten Forderungen unserer Meinung nach eine Möglichkeit, die Ausrichtung der Universität am Menschen ganz praktisch zu realisieren. Erstens: Ein Bafög für alle – unabhängig vom Alter und den Eltern. Zweitens: Ein bezahlbares und bayernweites Studierendenticket. Diese beiden Punkte entlasten Studierende und ihre Familien direkt und machen ein Studium an der Universität trotz unterschiedlicher finanzieller Backgrounds möglich. Und Drittens: Ein Ort an der Hochschule für Politik, an dem die Studierenden abseits des Hörsaals zur Vernetzung und Diskussion zusammen kommen können und so demokratische Tugenden pflegen.

Um es abschließend nochmals zu betonen: Wir sind sehr froh, dass wir das Privileg des Studiums an der Hochschule für Politik genießen durften. Wir hoffen, dass eine vertiefte Auseinandersetzung mit politischer Ideengeschichte, staatsrechtlichen Strukturen und ökonomischen sowie internationalen Zusammenhängen zur Ausprägung unserer Urteilskraft beitrug. Dennoch, auf die Grenzen unseres Wissens wies uns schon Sokrates hin und fordert zur kritischen Selbstreflexion über das eigene Handeln und Denken auf. Das breit angelegte Studium der Politischen Wissenschaften mahnt uns vor allzu überschwänglicher Politisierung. Unter anderem darin sehen wir ihren Wert für die Gesellschaft. Wir hoffen, dass wir diesem künftig als Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler gerecht werden können. 1Die Rede ist an dieser Stelle um den (persönlichen) Teil des Danks gekürzt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!